I: Hallo ihr beiden! Könntet ihr euch einfach mal kurz selbst vorstellen? Wer seid ihr? Und was macht ihr an der Uni, und wie seid ihr in die Hochschulpolitik gekommen?

Maximilian Schulz: Ich bin Maximilian Schulz. Ich bin schon ziemlich lang hier, das ist mein elftes Hochschulsemester. Ich studiere zwei Master: ich mache Mathematik und Werte und Normen mit Erweiterungsfach Philosophie und Philosophie als Fachmaster und wollte mal gucken, ob ich dann noch promovieren kann. Das ist noch alles Zukunftsmusik. Und ich bin in die Hochschulpolitik reingerutscht, weil die Linksjugend sich jetzt gerade neu formiert hat, vor zwei, drei Monaten und dann gab es nach der Bundestagswahl und der Landtagswahl, den Schwung in die Linksjugend und in den SDS hinein. Also dadurch hat sich jetzt erstmal so eine Bewegung, so ein Momentum etabliert.

I: Also durch den Rechtsruck in den Bundestagswahlen?

Maximilian Schulz: Ich meine ja, durch den Rechtsruck sind viele dazu gekommen. Das war nicht meine persönliche Intention, ich hab mir jetzt einfach so nochmal den Ruck gegeben, jetzt, wo die Linksjugend konsolidiert wurde. Und durch diesen ganzen Schwung insgesamt ist auch der SDS entstanden. Und dadurch, dass viele vom SDS bei der Linksjugend waren, ist es eben sehr stark mit der Linksjugend verbunden. Und der SDS-Verband hat auch gesagt, wir bräuchten jetzt mal eine Gruppe in Oldenburg.

Julia Strachanowski: Ja, also ich bin Julia Strachanowski. Ich hab jetzt hier gerade angefangen im ersten Semester. Bachelor Germanistik und Philosophie/Werte und Normen. Ich bin selber erst vor zweieinhalb Monaten hergezogen, war in der Heimat politisch interessiert und bin jetzt hier durch Maxi so ein bisschen reingerutscht in den SDS. Mit Hochschulpolitik kann man auf jeden Fall gut starten, finde ich.

Maximilian Schulz: Ein Ersti und ein Letzti.

I: SDS und Linksjugend worin unterscheidet sich das? Was ist der SDS genau?

Maximilian Schulz: Also der SDS als Sozialistisch Demokratischer Studierendenverband hat ja schon eine ziemlich lange Historie. Und das ist wie bei vielen linken Strömungen immer ein bisschen schwierig zu fassen, weil viele bei der einen oder bei der anderen Splittergruppe dabei sind. Letztendlich ist der SDS eine genuin linke Studierendenvertretung. Natürlich ist es irgendwo parteinah. Man muss auf jeden Fall nicht in der LINKEN sein, um in den SDS zu gehen. Ich bin mir da nicht sicher. Was die Hochschule betrifft, das ist ja das Wichtigere, ist, dass der SDS eben eine linksemanzipatorische, antiautoritäre Kraft ist. Die Linksjugend ist wiederum nochmal stärker an die Partei angegliedert. Die Linksjugend ist ja die Jugendorganisation.

I: Wann hat sich der SDS hier in Oldenburg gegründet?

Maximilian Schulz: Vor einer Woche.
Julia Strachanowski: Ganz frisch.
Maximilian Schulz: Wir sind ganz frisch. Die jungen Wilden.

I: Wie kann man sich das denn vorstellen? Also ihr setzt euch zusammen und sagt, so wir machen jetzt hier den SDS?

Maximilian Schulz: Ja. (lacht) Also es war ein bisschen Vorgeplänkel, eben digital. Ja wir müssen das mit dem SDS auch nochmal durchziehen. Jetzt wo wir den Schwung haben, wollen wir ihn eben auch ausnutzen und aus der Linksjugend heraus noch einen Kickstart für den SDS machen, weil wenn wir jetzt wieder ein Jahr warten, geht dieser Schwung verloren. Also einfach los! Und dann…

Julia Strachanowski: …erstmal schauen, was so geht. Ich glaube, jetzt ist auch erstmal noch ein bisschen ausprobieren angesagt. Uns gibt es seit einer Woche jetzt.

Maximilian Schulz: Die jungen Wilden, wie gesagt.

I: Habt ihr schon Projekte oder Ideen, in welche Richtung das dann so ungefähr gehen soll jetzt? Oder konzentriert ihr euch erstmal auf den Wahlkampf?

Maximilian Schulz: Also wir müssen erstmal ganz ehrlich sagen, wir bestehen vor allem aus nicht-erfahrenen Leuten. Wir haben von den anderen Listen Leute, die uns da ein bisschen helfen. Von den linksgrünen Listen haben wir viele AnsprechpartnerInnen. Das heißt, wir versuchen erstmal reinzukommen.

Prinzipiell verfolgen wir so ein Doppelding. Natürlich sind wir vom Idealismus her antikapitalistisch, antiantisemitisch, antisexistisch, der ganze Kram, der ja auch auf die meisten sich als links verstehenden Listen zutrifft. Was uns vorschwebt, wäre einfach nach dem Minimalismus zu gehen. Kostengünstige, solidarische Lösungen für Probleme anzustreben, sowohl vom ganz Konkreten her, wie zum Beispiel: Wieso haben wir keine Wasserkocher? Oder Mikrowelle? Wieso ist diese ganze Bib-Schranklage so bescheiden? Von den ganz konkreten Sachen, die einen im Alltag nerven, bis hin zu Sachen wie Studiengebühren, Anwesenheitspflicht und benotete Studienmodule. Es sollte mehr unbenotete Studienmodule geben, damit man sich ausprobieren kann, mehr Versuche hat, sodass das Studieren wirklich wieder ein Selbstzweck ist und eben nicht nur diese verwaltete, auf die Wirtschaft zugeschnittene Modulisierung. Das heißt, es sowohl im Konkreten als auch im Allgemeinen, möglichst runterbrechen auf einfache, kostengünstige, solidarische Maßnahmen. Ich weiss gar nicht, wie hoch die Gehälter im AStA sind das ist jetzt wieder unsere Unerfahrenheit aber zum Beispiel ist es in der LINKEN so, dass von allen Parteigehältern 15% gespendet werden müssen. Das ist bei der LINKEN als einzige Partei so und das wollen wir uns auch als Motto nehmen.

Wir sehen zum Beispiel diesen Umbau vom AStA, der soweit ich weiß vom RCDS damals angetrieben wurde, kritisch: Die dicken Couches, die dicke Wandmalerei, die dicken Schränke usw., die stehen im AStA. Wo sie nicht zu stehen haben. Da der AStA die Vertretung aller Studis ist, sollte das immer an alle gehen, also eine größtmögliche Verteilung angestrebt werden. Wieso ist denn diese nice Renovierung da und nicht an anderen Orten? Also dieses Solidaritätsprinzip nochmal stark machen. Wir sind nicht hier, um uns selbst zu bereichern, kriegt man sowieso hier nicht hin. (lacht) Wir sind nicht aus egozentrischen Gründen hier, sondern einfach um dieses Solidarprinzip zu leben und zu verbreiten.

I: Ihr seid der sozialistische Studentenbund. Was heißt für dich Sozialismus?

Maximilian Schulz: Jetzt kommen die großen Fragen. Um das einmal groß zu fassen, es gibt natürlich einmal die sozialistischen Tendenzen und Ideen etc. innerhalb des vorhandenen kapitalistischen Systems, damit wär man einfach nur reformorientiert und das andere sind dann so die klassischen Sachen mit „befreite Gesellschaft“ und so weiter.

Wir sind halt im AStA in Niedersachsen, in Oldenburg. Da wird eine Weltrevolution von uns jetzt nicht ausgehen. Aber vielmehr geht es eben um die Werte, die es in einem Sozialismus bzw. in einer befreiten Gesellschaft gibt. Es geht darum: zu jedem nach seinen Bedürfnissen, von jedem nach seinen Fähigkeiten. Genauso wie die Freiheit: Das Reich der Notwendigkeit muss aufhören, damit das Reich der Freiheit anfangen kann. Diese Slogans das sind doch letztendlich die Sachen, an die wir uns halten müssen. Solidarität. Alles für alle. Es geht eben darum, dass gemeinsam gut gehandelt werden kann. Das Prinzip Zusammenarbeit eben, sei es auf einer kleinen Skale die Uni, oder auf einer großen Skale die Gesellschaft. Das ist natürlich schwierig, diese mehr oder weniger ideologische Frage jetzt zweigleisig zu beantworten.

I: Es gibt ja schon zwei, drei ziemlich links ausgerichtete Gruppierungen hier an der Hochschule. Wo würdest du denn da jetzt den Unterschied machen? Keine würde jetzt das Solidarprinzip verneinen, oder?

Maximilian Schulz: Das ist natürlich schwierig. Also wir werden jetzt in diesem Interview natürlich keine linken Gruppen angreifen. Die Frage hat sich für uns nicht gestellt, es ist ja auch kein Wettkampf: hey, wer ist jetzt linker? Das Linkssein um des Linksseins willen, darum kann es ja nicht gehen. Wir als Linksjugend haben uns ein paar politische Gedanken gemacht, und dann ist die Vertretung einfach der SDS. Die Affiliations sind da vorhanden. Genauso wie es bei der SPD die Juso-Hochschulgruppen darstellen. Dann kann es viele Überschneidungen geben. Es kann eben auch Sachen geben, wo man sich dann miteinander streitet. Wir haben da keine Erfahrungswerte. Ich kann jetzt nicht sagen, an dem Punkt, da sind sie nicht links genug. Da ist man wieder in der ewigen Frage drin, wozu braucht man die LINKE, wenn es die SPD gibt? Da wird dann sehr kontrovers diskutiert werden, aber wie gesagt, das interessiert uns nicht so wirklich. Weil einfach, so wie sich das organisatorisch herausgebildet hat, der SDS der Ansprechpartner war, und wir keine SDS-Gruppe hier haben. Ich weiß nicht, inwiefern die anderen Gruppen sich als dezidiert antikapitalistisch verstehen.

I: Es wurde teils bemängelt, dass es zu wenig dezidiert antikapitalistische Alternativen gibt.

Maximilian Schulz: Die hiermit jetzt gegeben wäre. Die Jusos sind natürlich reformorientiert und kapitalismuskritisch. Und wenn du jetzt eine ganz klare Antwort darauf haben willst: Natürlich sind wir dezidiert antikapitalistisch. Diese Ismen/Schismen, wenn man darauf Wert legt… Wir sind gegen Sexismus und so weiter, was die anderen auch sind, aber vielleicht noch mal eine Spur krasser. Natürlich mögen wir Marx. Das Problem ist immer, wenn man zehn sich als links verstehende Leute in einen Raum setzt, hat man am Ende elf Gruppierungen. Deswegen wollen wir gar nicht so sehr auf die Unterschiede hinaus, denn wenn wir zusammen arbeiten, dann macht es keinen Unterschied ob drei Listenplätze von der SDS und acht von den Jusos da sind, oder elf insgesamt. Ich kenne das von meiner Arbeit, das ist eine NGO, es ist am Besten, wenn es wirklich einen klaren Fokus gibt. Wir haben keine grünen Programmpunkte, weil wenn wir koalieren, koalieren wir auf jeden Fall mit einer grünen Gruppe, und die haben davon mehr Ahnung. Und wovon wir Ahnung haben, ist das, was in der LINKEN und der Linksjugend vertreten ist. Und deswegen kann es nur von Vorteil sein, wenn viele Köpfe zusammen denken. Und es gibt ja diese Unterscheidung zwischen SPD, LINKE, Linksjugend, Juso, oder den Unabhängigen (UniDivers ist ja auch „links-grün-versifft“).

I: Wie würdet ihr die Arbeit des AStA und des StuPa in dieser Legislatur bewerten?

Julia Strachanowski: Also ich hab hier noch nicht so viel mitbekommen und kann dazu noch nicht so viel sagen. Allerdings ist die Verteilung des Geldes durch den AStA ist so ein bisschen unausgeglichen. Und ein AStA, der ja die Vertretung der Studierenden sein soll, der muss anders aufgezogen werden.

Maximilian Schulz: Der AStA unter dem RCDS, das war nochmal eine andere Kiste. Es gibt auch viele Punkte, wo wir anknüpfen wollen. Das Problem ist, wir sind nicht im StuPa, wir saßen da nicht drin. Deswegen wäre es vermessen von uns, wenn wir große Bewertungskriterien raushauen. Das wäre dann so ein bisschen „rumlindnern“. Natürlich sind wir hier, um auch gegen Missstände zu pöbeln. Aber wir waren nicht im AStA und StuPa, wir haben diese Dinge nicht von innen gesehen. Ich habe mich vor allem immer über den RCDS aufgeregt, so viel kann ich persönlich dazu sagen. Es gibt halt gute Dinge, und es gibt Dinge, die nicht so funktionieren. Es gibt Punkte, wo man ansetzen kann. Zum Beispiel was die Fachschaft Philosophie zum Teil reißt, ist ja ziemlich nice. Und das korreliert ja auch mit deiner Frage, warum es eine zweite Linke Gruppe gibt: wir haben viele Lesungen, wir haben ziemlich coole Sachen. Der letzte AStA hat Jutta Ditfurth rangeholt, wer auch immer das jetzt liest und sich angesprochen fühlt: nice Sache! Das sind Sachen wo wir anknüpfen und nicht gegenschießen wollen.

I: Habt ihr jetzt schon konkrete Forderungen ausgearbeitet? Was würdet ihr machen, wenn ihr gewählt werden würdet?

Maximilian Schulz: Wir gehen mal vom Konkreten hin zum Allgemeinen. Ganz konkret ein Ort zum pennen. Ich mache hier immer Nickerchen. Ich sehe hier immer Leute auf dem Boden pennen. Wo kann man hier pennen? Nirgendwo. (lacht)
Unsere Antwort auf den geforderten Pizza-Automaten vom RCDS: Wasserkocher und Mikrowelle wären mal nice. Utensilien, ohne das man sich dumm und dämlich zahlt. Körbe, PCs, Arbeitsplätze, Spinde reparieren, Fahrradparkplätze. Dafür sind wahrscheinlich auch die anderen Gruppen, bis auf den RCDS. Das sind diese Kleinigkeiten, das ist das ganz Konkrete, aber auch Solidarität mit dem Mittelbau. Der Mittelbau ist vor allem das, was uns letztendlich unterrichtet. Ich mache selber verschiedene Tutorien in der Philosophie, und da habe ich einen Einblick durch Gespräche die Lage ist beschissen. Das würde jetzt auf vielerlei Art den Rahmen sprengen. Ich studiere Mathe. Da liegt es oft an einem Modul, ob man aus dem kompletten Studium rausgeworfen wird. Deswegen: Erhöhung auf 5 Fehlversuche.

Das eigenständige Arbeiten und Selbststudium fördern: In der Philosophie bekommt man neun KP unbenotet dafür, wenn man sich krass mit einem philosophischen Werk auseinandersetzt. Das heißt, es wird einem in dieser Modulierung Raum gegeben dafür, dass man sich zum Selbstzweck mit diesen Inhalten auseinandersetzen kann. Man muss sich doch ausprobieren können. Man muss nicht nur gucken, wie schreibe ich jetzt, damit ich eine gute Note bekomme, sondern: ich schreibe jetzt, wie ich das denke, und dann kann ich so mein eigenes Ziel entwickeln. Wir fordern mehr unbenotete Teilleistungen!

Julia Strachanowski: Gerade in den Basismodulen ist das ja wichtig. Gerade dort geht es darum, dass man sein Lernen entwickelt, aber im Endeffekt läuft es wieder auf so eine Lernbulimie hinaus, dass du dir das alles reinfrisst, auf das Blatt kotzt, und hinterher nichts mehr weißt. Und gerade das soll ein Studium doch nicht sein.

Maximilian Schulz: Oder jetzt auch nochmal in Bezug auf Wechloy gedacht: die einzelnen Tutorien müssen natürlich auch vernünftig entlohnt werden. In der Philosophie merkt man das ja schon: es gibt einen Unterschied ob man ein Logik-Tutorium oder in theoretischer Philosophie ein Tutorium gibt, beide werden gleich vergütet. Guckt man sich die Mathe-Tutorien an, dann müsste man eigentlich das 3-fache bekommen nein, fürs Protokoll: man müsste mehr bekommen, ich weiß jetzt nicht genau wie viel mehr. Weil man die halbe Woche mit korrigieren beschäftigt sein sollte, was natürlich nicht der Fall ist, weil man so wenig Stunden kriegt. Es ist gerecht, dass der Mehraufwand, für die Leute, die Tutorien geben, in einem angemessenen Maße entlohnt wird.

I: Warum sollten die Studierenden jetzt euch wählen?

Maximilian Schulz: Wir sehen unsere Politik als das, was Politik ist: es ist weder das Weltbewegendste, noch das Unwichtigste, es ist einfach etwas, wo man konstruktiv aus unserer Warte mit linken Einstellungen rangeht, um für alle, die hier studieren, ein gutes Klima zu schaffen. Wir sind eben für alle. Es geht einfach darum, dass alle das bestmögliche Studium haben können. Einfache Kiste. Und wenn die anderen das besser machen können, dann können die gewählt werden. Aber wir treten natürlich mit dem Anspruch an, dass wir mitwirken, mit Minimalismus, also mit einem konstruktiven Ansatz die Politik besser gestalten können.

I: An dieser Stelle wäre noch Platz, fall ihr etwas loswerden möchtet.

Julia Strachanowski: Ich dachte noch an die ganzen Zwangs-Exmatrikulationen. Das wäre auch so ein Ding, das uns ziemlich aufregt. Es wurden ungefähr 300 Leute zwangsexmatrikuliert…

Maximilian Schulz: Zu viele. Ich bin da nicht in den Zahlen drin. Aber das ist genau das, worum es geht. Das ist das Konstruktive. Dafür sind ja auch viele andere Gruppen, die LHG mal ausgenommen. Da brauch man auch gar nicht ideologisch ranzugehen, das ist einfach nicht cool…

Julia Strachanowski: Eine Ungerechtigkeit.

Maximilian Schulz: Und dann kann man schauen, wie man zusammenarbeitend da ran geht. Wir haben jetzt 7 zugelassene Listen, und Weimarer Verhältnisse braucht keiner dieses sich-gegenseitig-ausblockieren. Ja, wir haben ein dezidiert linkes Selbstverständnis, aber auch dezidiert undogmatisch. Und es geht einfach darum, was die besten Möglichkeiten sind und wie es am Besten ist für die Studierenden ist. Ganz banal formuliert.

I: Alles klar, dann danke für das Interview.