Interview mit dem Leiter des Filmfest Oldenburg, Torsten Neumann

Zum 27. Mal findet in diesem Jahr das Filmfest Oldenburg statt. Dieses Jahr wird es als hybride Veranstaltung – online und im Kino – geplant. Die kleine Weltbühne traf Torsten Neumann zu Zigarette und Interview. 

Wenn ich mich in eurem Festivalbüro umsehe dann sieht die Vorbereitung auf den letzten Metern noch nach viel Stress aus.

Es ist alles furchtbar knapp, knapper als je zuvor. Wir sind ja schon berühmt dafür, dass wir alles so auf den letzten Drücker machen, aber dieses Jahr ist es extrem.

Ihr habt zum nun anstehenden hybriden Format des Festivals – in den Kinos und digital – ja auch noch keinen Erfahrungswert. 

Beide Seiten haben keinen Erfahrungswert, also auch die Produktionen wissen nicht genau wie sie damit umgehen sollen. Deswegen zieht sich alles noch schlimmer hin. 

Ich nehme an dadurch ist alles etwas offener als sonst? Gewöhnlich wisst ihr aus eurer Erfahrung ja vermutlich recht gut, was funktioniert wird und was eher schwer wird. 

Wir haben immer ein Gerüst. Wir bewegen uns mit diesem Gerüst, wo wir einiges kennen, durch die fünf Tage. Wir haben aber immer eine neue Mannschaft, deswegen ist es auch sonst Stress, aber jetzt bewegen wir uns wieder in andere Bereiche. Wir müssen konstant alles absichern. Und dass obwohl keiner so ganz genau die Regeln weiß. Jeder bekommt andere Infos. Wenn man zehn Leute fragt hat man zehn verschiedene Vorgaben, die man einhalten muss. Das ist teilweise schon ätzend. 

Ihr habt vermutlich bereits ein halbes Jahr am Festival gearbeitet, als klar wurde, dass es genau so wie gedacht nicht stattfinden wird könnte?

Die intensive Arbeit hat damit angefangen, dass wir uns im Lockdown relativ schnell gesagt haben, dass wir das Festival nicht ganz absagen können, auch aus wirtschaftlichen Erwägungen, also schlicht aus Überlebensgründen Wir haben dann angefangen zwei Festivals zu planen. So ist es im Moment immer noch. Selbst die Kopiendispo, also die Kopien wie wir sie im Kino zeigen und wie wir sie im Digitalen zeigen, sind zwei verschiedene Formate, die wir physisch je holen beziehungsweise uploaden müssen. Ich hatte immer gedacht, man könnte da irgendwie ein und dieselbe Sache drauf machen. Aber das geht nicht. Es sind dadurch also alles zwei Wege, die wir vor uns haben.  

Ihr streamt die Filme ja über Pantaflix, konkret kümmern müsst ihr euch aber um alles?

Ja, komplett. Wir haben diese Partnerschaft mit Pantaflix, die es einrichten. Da gibt es täglich zwei große Zoomkonferenzen. Das ist aber eine völlig neue Plattform, die wir jetzt mitbedienen müssen: mit Texten, verlinken, ans Ticketing anbinden, Filme draufladen. Alles was hier so normal abläuft, ist dort ein völlig neuer Prozess. Wir müssen Timelines bauen: wann startet der Film, was ist der Trailer davor, was ist davor der Jingle, haben wir eine Anmoderation, danach ein Q&A mit Gästen, teilweise Live. Das ist ein Riesenprojekt.

Gab es vor und unabhängig von Corona auch schon Überlegungen mehr in Richtung Streaming zu machen, so dass ihr vielleicht auch schon Erfahrungswerte hattet?

Also wir haben schon kleine Ausflüge in diesen Bereich vorgenommen. Wir haben einmal vor zehn Jahren mit MUBI, die ja jetzt einer der größten Video-on-demand Plattform für Arthouse bespielen, eine Kooperation gemacht. Als wir 25 geworden sind, 2018, da hatten wir eine kleine VoD-Firma aus Berlin, die mit uns eine Art kleines „Best of Oldenburg“ lizensiert und zur Verfügung gestellt hat. Da haben wir schon einiges probiert. Aber in dem aktuellen Programm die Verbindung von Film und Livelementen, also das ganze Festival, das ja vor allem auch Emotionen braucht, in den digitalen Raum zu verlegen, das ist noch ein anderes Ding jetzt. 

Der Trailer dieses Jahr ist eine Collage aus den Einreichungen von Handyvideos, die weltweit Leute zugeschickt haben. Sie haben zusammen mit Deborah Kara Unger die Regie übernommen, was in diesem Fall also vor allem eine Auswahl der Beiträge und die dramatisierende Darstellung des Ganzen bedeutete. Ihr hättet ja auch wieder einen herkömmlichen Trailer drehen können, das wäre ja sicher trotz Corona möglich gewesen. Was hat euch dazu bewogen, es dann so zu machen?

Wir haben in den letzten Wochen auf verschiedenen Ebenen versucht das Konzept des Festivals, in dem Moment, in dem wir uns in den digitalen Raum rein bewegen, so aufzustellen, dass wir weiterhin mit aller Macht dafür einstehen, dass wir die Kultur, also letztlich das, was mit Menschen zu tun hat, dass wir diese emotionale Ebene mit in diesen ‚Algorithmus-Raum‘ hineinbringen müssen. Dass wir unsere Filmfestivalfans darauf einstimmen, trotzdem wir zu Hause bleiben sollen, sie in das Filmfestival hinein zu bringen. Dann war ja der Gedanken den Weg auf die Couch zu filmen. ‚Stay at home‘, das ist der Kern von allem, was wir jetzt machen, wie wir die Menschen dazu inspirieren wollen, das Gefühl weiter zu haben, dass sie mit uns zusammen beim Filmfest sind. Da war die Idee von einem Trailer, den andere drehen, wo wir zu aufrufen, wo viele mir vorher gesagt haben „oh, das ist aber gefährlich, wer weiß was du da kriegst?“, wir waren ja auch wieder kurzfristig. Das war aber genau ein Punkt in der ganzen Palette an Emotionen, die wir brauchten, um das weiterzumachen. Das Ergebnis! Ich weiß ja nicht, wie es dir gefallen hat, wir haben da im Nachhinein alle ganz viel Energie draus gezogen, weil wir so tolle Einreichungen gekriegt haben. Wir konnten da aus dem vollen schöpfen, die Geschichte zu erzählen, wie wir sie letztlich erzählen. Es gibt ein paar tolle Musikvideos, die ich hier als Vorbild genommen habe, etwa von einer französischen Band die kaum einer kennt, Mademoiselle K., die haben so ein Video gemacht, wo sie ihren Fans gesagt haben „dreh da deine Bilder dazu“, und das ist so emotional, das fand ich immer total super. Ich glaube das haben wir ein stückweit auch erreicht. Ich bin schon auch stolz auf den Trailer, auch weil er schön geworden ist, also eine tolle Haltung zeigt. Wir kriegen im Übrigen auch sehr gutes Feedback dazu. 

Habe ich es richtig gesehen, dass es auch einige Referenzen auf Kubrick enthält, in der Musik aus Uhrwerk Orange und in einer Kamerafahrt, die an Dannys Dreiradfahrt aus The Shining anlehnt?

Kubrick hat ja immer klassische Musik verwendet. Bei unserem Bond-Trailer haben wir auch den Shostakovich, den Kubrick auch genommen hat, benutzt. Das jetzt ist die diebische Elster von Rossini. Ich glaube die Kamerafahrt die du meinst ist aus einem Shot, die eine irre kleine Geschichte für  sich genommen ist. Das ist eine rot eingefärbte Steady-Cam-Fahrt, wo man dann kurz sieht wie die Frau am Fenster sitzt und raucht. Das finde ich auch wirklich eine kleine erwähnenswerte Geschichte. Ein Regisseur von einem Film, den wir gerade eingeladen haben, den wir aber noch gar nicht kennen, aus Los Angeles, von einem ziemlich coolen Film, der hier Weltpremiere feiern wird, der hat unseren Aufruf gelesen und auch so seinen Weg nach Hause gedreht. Das sieht man natürlich auch, dass der weiß was er tut. Wobei tatsächlich sehr viele irrsinnig schön waren, das war beim Schneiden so, dass wir gedacht haben: ok, diesen Film hier könnten wir vom Anfang bis zum Ende benutzen, das war wirklich eine Freude. Von uns kam ja nur die Grundansweisung ohne Angaben über die Bildperspektiven. Wir haben nur ein paar Links gegeben zu Tipps, wie man so etwas drehen kann und ein paar Hinweise, was für Aufnahmen gut wären, wie zum Beispiel, dass sie die Tür aufschließen und dass man sie ihre Schuhe ausziehen sieht, so etwas. Aber alles andere kam nur von den Einreichenden. Deswegen ist es also auch keine Kubrick-Hommage, Aber wenn bei dir ein Kubrick-Gefühl beim Gucken entsteht, dann würde ich sagen, haben wir etwas richtig gemacht.

Ihr stream jeden der Filme parallel zur Ausstrahlung im Kino auch online, über die Plattform Pantaflix. Wieso habt ihr euch bei dem Modell des Streamens dafür entschieden, es zu einer ganz bestimmten Zeit anzubieten und nicht zeitsouverän, was technisch sicher möglich gewesen wäre? Lag es auch an diesem Charakter, dass sich dann sozusagen alle gleichzeitig hinsetzen und sich dann den Film ansehen?

Genauso ist es. Natürlich haben wir als Festival, wenn wir uns ernst nehmen und für das einstehen, wozu wir da sind, für Filmkunst und Independent Filme, dann ist das Wichtige, dass wir dafür einstehen, dass Film eben eine Kunst ist, und ein gemeinsames Erlebnis von vielen Menschen am gleichen Ort bedeutet, in einem Kino. Wenn wir das nicht herstellen können, dann haben wir uns gesagt, dass wir uns bewusst von der Bequemlichkeit die Netflix und Co uns so geben, absetzen wollen. Wir machen ein kuratiertes Programm und müssen das in dieses digitale Festival mit rüber bringen, dass wir mindestens das gleiche Erlebnis zu gleichen Zeit haben, in dem Wissen, wir sitzen jetzt mit ein paar hundert Leuten zur gleichen Zeit da und gucken den Film. Wir werden mit Pantaflix sogar, und das war ein ganz wichtiger Aspekt für die Kooperation, alles daran setzen im digitalen Raum soviel zu ermöglichen, was das Festival ausmacht: eine Vorführung, aber auch ein Screening, also mit Gästen, die auf die Bühne gehen. Wir werden auch eine Applaus-Funktion einsetzen. Das heißt, am Ende des Films geht eine kleine Toolbar hoch und du kannst fünf verschiedene Stufen von Applaus geben. Und eine Minute später wir das in Ton generiert, den auch der Filmemacher, der Live zugeschaltet ist, hört. Du weißt, mit dir gucken gerade andere Menschen gemeinsam den Film. Wenn du nur mittleren Applaus gibst und alle anderen euphorisch sind, dann hörst du das. Wir wollen alles daran setzen, dass es nicht die gleiche Bequemlichkeit bewirkt, die uns VoD bringt, alles zu jeder Zeit verfügbar zu haben, die meiner Meinung nach auch der Tod von allem progressiven Vorangehen ist. Wir kuratieren. Ich habe das ja auch schon bei mir selber erlebt, wenn wir sagen, ach, wollen wir uns einen Film über VoD ansehen, und dann fängt man an zu suchen, und dann merkt man nach zwei Stunden: ach scheiße, jetzt hätte ich eigentlich schon einen Film geguckt! Die Masse tötet jegliche Bereitschaft, noch etwas wirklich Neues zu zuzulassen. Das ist ja immer auch das, wofür wir einstehen: dass wir nicht sozusagen einfache Fahrstuhlmusik, also Popcornfilme, machen, sondern dass wir uns heraufordern wollen. Das war also auch eine bewusste Entscheidung. Der Filmemacher, der bereit ist, seine Premiere in einen digitalen Raum zu geben, dem müssen wir mit allem was wir haben etwas geben, dass er auch fühlt, was da gerade passiert. Und wir als Zuschauer natürlich auch. 

Es gibt dann nach den Filmen online Q&A Blöcke?

Genau. Ob die Leute hier vor Ort sind oder nicht, wir versuchen bei möglichst vielen Filmen, wie beim Festival sonst auch, Gäste dabei zu haben die dann nach dem Film ein Q&A machen, Live. Die Fragen werden natürlich gefiltert, also ein Moderator wird die Sachen reinbringen, aber wir können alle daran teilnehmen, wie im Kino auch. Das ist natürlich sehr aufwendig, aber sonst wäre das Leben langweilig, wenn wir uns hier nicht ein paar ambitionierte Dinge mitgeben. 

Auch wenn das Streaming und die zusätzlichen Elemente die du erwähnt hast, perfekt funktionieren sollten, werden sich viele Filmemacher_innen sicher dennoch denken: ok, das ist jetzt die Premiere meines Films, daran habe ich lange gearbeitet, ich habe den auf eine bestimmte Weise fotographiert und jetzt gucken die Leute sich den Film im schlimmsten Fall auf einem Mini-Laptop oder gar dem Smarthpone an. 

Das ist ein Alptraum, ganz klar. Es wird immer schwerer für Indiefilme überhaupt ins Kino zu kommen, die Auswertungskanäle sind brutal beherrscht von den Studios. Und jetzt kommt diese Situation dazu. Ich habe bisher auch keine Gelegenheit ausgelassen zu sagen: wehe, ich erwische jemanden, der einen Film auf dem Handy guckt! Wir machen ja die Wohnzimmergalas, was ja auch eine Idee ist, dass wir zu jemandem nach Hause gehen und von dort aus die Premiere vorstellen, irgendwie um diesen Gedanken daran wach zu halten, dass, wenn es um Kultur geht, dann geht es auch um Menschen, die zusammen kommen müssen, mit allem Respekt und den notwendigen Sicherheitsvorkehrungen. Genau da stecken wir gerade alle unsere Anstrengung und Mühe hin. 

Ein anderes Element, das viele vermissen werden, ist das, was während des Festivals in der Stadt entsteht. Selbst wenn man sich nicht einen einzigen Film ansieht, bekommt man irgendwie mit, dass das Festival in der Stadt ist, dass es lebendiger ist und andere Leute in den Kneipen. Ihr plant ja auch dennoch kleinere Sachen in der Stadt, wird sich ein Hauch dessen einstellen?

Grundsätzlich haben wir mit allen Beteiligten, auch mit der Stadt Oldenburg, besprochen, dass wir ein hybrides Festival machen. Als wir haben gesagt, wir machen das jetzt digital, aber wenn Kinos auf sind, dann müssen wir auch im Kino stattfinden, auch wenn dann nur zehn Leute reinkönnen. Das ist jetzt der Fall und wir müssen uns sehr viel Mühe geben. Die Oldenburger gehen dann sicher ins Kino, auch wenn das Ticket letztlich teurer ist als es sich zu Hause anzusehen, noch mit drei Freunden auf einem Ticket ein Film zu gucken. In dem Zusammenhang haben wir auch früh gesagt, dass wir dann soweit es geht auch Gäste hier haben wollen. Nur: viel können wir nicht machen und die wilden Partys, für die wir auch berühmt sind, die wird es nicht geben. Wir haben mal als Anfangsidee gesagt, wir können nicht mehr als 50 Gäste da haben, die wir handeln können, die wir auch testen können, wenn sie ankommen und bevor sie ins Ausland zurück fliegen. Wir können diese Gäste dann aber natürlich nicht fünf Tage ins Hotel setzen, dann könnten sie auch gleich zu Hause bleiben und auf ihrer Couch das Q&A machen. Also müssen wir so weit es irgendwie geht Dinge machen, dass diese Leute sich treffen können und wo es auch möglich ist, dass es wahrgenommen wird. Es werden jetzt wohl nur 30 Gäste, weil die aus Amerika alle nicht einreisen dürfen. Das werden wir dann auch merken, dass dann etwas fehlt. Im Kleinen aber wird es das Filmfestival geben und hoffentlich nimmst du es auch wahr. Wenn man dann ins Kino geht, dann tummeln sich dort auch die Filmemacher, dann wird man sich im Minimalen daran erinnern, wie wichtig genau das ist. Ich habe es Übrigens auch schon von vielen Leuten gehört, dass man es in der Stadt merkt. Und wir wissen beide: Oldenburg ist nun nicht unbedingt die pulsierende Metropole. Während des Festivals ist ein anderer Vibe.

Man könnte die These vertreten, dass ein gut kuratiertes Filmfestival über die Jahre auch eine Art Lerneffekt hat, das heißt, dass eine interessierte Öffentlichkeit an den teils anspruchsvollen Filmen wächst und so auch eine gewisse andere Filmkultur über das Festival hinaus entsteht. Glaubst du, dass das in Oldenburg der Fall ist?

Ich weiß, dass unser großer Freund Seymour Cassel, der jetzt leider nicht mehr unter uns ist, einmal gesagt hat, der Indepent Film ist genau deshalb so wichtig für die Menschen, weil es einen Lerneffekt hat. Weil man Dinge sieht, die man sonst nicht sieht, und dadurch gezwungen ist, andere Perspektiven einzunehmen. In dem Fall, im Gespräch miteinander, entsteht eine andere Nähe. Ich teile das komplett und das habe ich hier und da auch schonmal als Rückmeldung bekommen. Ich freue mich, dass du so etwas sagst, weil ich mir noch mehr wünschen würde, dass bestimmte, entscheidende Menschen, die letztlich über das Leben und Sterben von Kultur entscheiden, das noch mehr verinnerlichen. Da gibt es manchmal Nachholbedarf.

Also ist das Stichwort öffentliche Förderungen?

Ja, aber nicht nur bei der Förderung, sondern auch einfach eine gewisse Haltung. Ich habe aktuell ja eigentlich nicht so viel zu meckern, aber wir haben uns schon durch Zeiten durch bewegt, wo ich mich mit Sachen auseinandersetzen musste wie Ratsmitgliedern, die gesagt haben, „das findet doch nur fünf Tage statt, wozu braucht ihr denn so viel Geld?“. So ein Quatsch! Diese Bedeutung, die das hat, wird dann nicht gesehen. Das große Sundance, das wichtigste und größte Indiefestival, findet im kleinen Park City statt. Die sind inzwischen ein so ein großes Unternehmen, die rechnen dann der Community vor, wie viele Millionen Umsatz sie damit in die Stadt bringen. Das können wir hier natürlich nicht herstellen, weil wir ein so kleiner Haufen sind. Aber wir machen hier etwas. Das ist so. Mindestens in dem Fall wie du ihn auch geschildert hast, ist es auch so, dass wir das ganz einfach fühlen können. Klar sind die Hotels dann auch anders gefüllt und es kommen auch Leute hierher, die sonst nicht hier herkommen, die nicht einmal unbedingt von uns eingeladen sind. Das passiert schon was. Deswegen finde ich es schön, das zu hören. Diese Art, Filme zu zeigen, die nicht unbedingt ein volles Haus bedeuten, die aber so ein bisschen herausfordernd sind, das ist wichtig das zu machen. Selbst wenn es irgendwann keine mehr gibt, dann will ich trotzdem das noch weiter machen, muss ich sagen. Früher haben mir Leute gesagt: Torsten, das ist ganz geil, was du hier aufgebaut hast, aber es ist ein Großstadtprogramm. Weil die Kinobetreiber sagen, also in der Stadt wo das Angebot breiter ist, da kannst du auch mehr riskieren, mit edgy Sachen. In einer Stadt wie Oldenburg, wo es nicht viel gibt, außer dem Casa und dem cineK gibt es nichts, das andere ist eben das große Multiplex, da kannst du sowas nicht machen. Da haben wir über die Jahre aber sowas von das Gegenteil bewiesen! Wir haben ja Stimmkarten, weil der Filmpreis bei uns ein Publikumspreis ist, und in unserer Indiereihe sind die schrägsten Filme, und inzwischen kommen die Leute auch dafür ins Kino. Das war früher übrigens gar nicht so einfach, ohne Untertitel, man kennt keinen Schauspieler – da müssen viele eine Hürde überwinden. Und inzwischen ist es so, dass die Oldenburger diese Sachen gucken. Es hat nichts mit Großstadt oder nicht Großstadt zu tun, sondern damit, das Publikum ernstzunehmen oder nicht, es für klug oder für dumm zu  erklären.

Wenn man diese Entwicklung berücksichtigt ist der angesprochene Lerneffekt ja doch augenscheinlich.

Ja, aber den willst du als Zuschauer ja haben, weil du dich gerade dafür interessierst. Wenn du nur eingeschläfert und in Dämmerzustand durch die Gegend läufst, dann kannst du den Scheiß um viertel nach 8 im Fernsehen angucken.

Ihr habt dieses Jahr wie immer auch eine Retrospektive. Dieses Mal ist sie dem Regisseur William Friedkin gewidmet. Der Regisseur scheint insofern gut zu passen, weil er in beiden „Säulen“, wenn man so will, des Filmfestivals, also gesellschaftskritische Filme und Genrefilme, für Filmklassiker verantwortlich ist.

Das ist ein Volltreffer. Das ist einer der größten noch lebenden Filmemacher. Zudem: French Connection und The Exorcist – man muss noch nicht einmal ein großer Cineast sein, das kennt einfach jeder. Was der alles abdeckt mit seinem Werk ist unglaublich, und wie du es schon sagst, das passt wunderbar hierher. Selbst nach den größten Erfolgen hat er dann wieder Sachen gemacht, die dann nicht so den Erwartungen entsprochen haben. Er hat sich immer mit Hollywood angelegt und hat nie den einfachen Weg gewählt. Das sind Leute, die wir gut finden. 

Ist das auch ein Kriterium für die Auswahl für die Retrospektive?

Im Grunde ist William Friedkin schon fast eine Nummer zu groß für unser Kriterium, aber in dem Fall passt es einfach und wieso sollen wir uns da als Cineasten nicht massiv drüber freuen, das zu machen? Aber wir gucken sonst auch schon, und das finde ich auch wichtig und spannend, dass wir uns manchmal einem Filmemacher widmen, der überhaupt nicht so viel Anerkennung bekommen hat. Das haben wir inzwischen, wenn wir uns mit Kino befassen, herausgefunden, das hat nichts mit Qualität zu tun, sondern mit anderen Kräften. Gerade die besten haben es oft schwerer ihre Position zu finden, die nur ja sagen haben es oft einfacher. Wer den leichteren Weg wählt ist in der Wahrnehmung manchmal schon viel weiter vorne.
Da haben wir in der Vergangenheit Filmemacher geehrt, wo man vielleicht mal einen Film kennt, aber den Namen und das Gesamtwerk nicht so auf dem Schirm hat. Da ist Friedkin schon oberste Kante dessen, was wir eigentlich abbilden. 

Friedkin wird auch in einem Streaming Live zugeschaltet, richtig?

Wir machen ein großes Livegespräch mit ihm. Am Freitagabend, also mittags bei ihm. Vor dem Gespräch zeigen wir seinen ersten Film, ‚The People vs. Paul Crump‘ um 19 Uhr. Den hast du wahrscheinlich noch nicht gesehen, oder? Der ist von 1962, den hat er als Fernsehregisseur gemacht. Das ist eine Doku über einen Schwarzen, der in einem Todestrakt sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Es war ein schiefgegangener Raubüberfall und er hat einen Wachmann erschossen. Er hat aber immer seine Unschuld beteuert, dass er nicht geschossen hat. Dann hat Friedkin sich so hartnäckig durchgesetzt und gesagt, er will ihn treffen und mit ihm reden, und alle haben gesagt, den kannst du vergessen, der ist bald tot, obwohl gleichzeitig fast alle gesagt haben, wahrscheinlich ist er unschuldig. Der Schwarze, der keine Chance kriegt. Dann hat er diesen Film gemacht und er Gouverneur von Chicago hat ihn zu sehen gekriegt. Er hat dann die Todesstrafe in lebenslänglich umgewandelt. Friedkin hat immer gesagt, dass das sein erster Film war, und er glaubte, dass er da noch nicht einmal ein guter Regisseur war, obwohl er ehrlich gesagt sehr geil gemacht ist, aber er hat immer gesagt, diese Erfahrung wahrzunehmen, wie viel Macht dieses Medium haben kann, dass er damit ein Leben retten kann, das hat ihn inspiriert wirklicher Filmemacher zu werden.

Das war mir unbekannt, der Film dauert dann aber nicht so lange, wenn danach das Gespräch mit ihm übertragen wird?

Den Film kannte ich vorher auch noch nicht, ehrlich gesagt. Das ist ziemlich beeindruckend, die ganze Geschichte drum herum ist ja echt Wahnsinn! Es ist ein 60 Minuten-Film, und danach kommt dann das große Gespräch mit ihm. Im Anschluss an das Gespräch kommen dann noch im Kino ‚French Connection‘ und ‚To Live and Die in L.A.‘: Man kann also einen ganzen Friedkin-Abend machen.
‚People vs Paul Crump‘ ist aber der einzige Film der Retroreihe, den wir auch online zeigen können. Sonst zeigen wir ja alles sowohl im Kino wie auch digital. Für diese Filme bekommt man aber nicht die Filmrechte, da kannst du dich auf den Kopf stellen, das dauert drei Jahre Vorbereitung bis du ‚French Connection‘ und ‚Exorcist‘ als Streaming zeigen könntet. Da gibt es so viele Verträge mit den ganzen großen Streaminganbietern. Den ersten aber zeigen wir nur digital, und er wird weltweit ohne Begrenzung gezeigt, genau wie das Gespräch mit William Friedkin. 

Rechnet ihr mit vielen Zuschauern auch aus anderen Städten und Ländern dafür?

Ehrlich gesagt rechne ich damit, ja. Das einzige was uns im Wege steht sind unsere begrenzten Möglichkeiten das zu promoten, glaube ich. Aber wenn sich das in der Community rumspricht, da werden glaube ich viele einschalten. Wir müssen nur schaffen, dass es die Leute mitkriegen, was nicht so einfach ist, weil wir schon in Arbeit untergehen. Ich glaube aber das stößt auf weltweites Interesse. Der ist jetzt gerade 85 geworden, den gibt es vielleicht gar nicht mehr so lange. 

Es gibt für das nächste Jahr nun neue Diversitäts-Kriterien für die Vergabe der Oscars. Das heißt in der Besetzung des Films und auch in den dargestellten Themen soll ein Katalog an entsprechenden Vorgaben erfüllt werden. Wie würdest du solche Kriterien bewerten, bzw. gibt es derartige Kriterien auch beim Filmfest?

Nein. Das ist das Ende der Kunst, finde ich. Das finde ich bestürzend. Ganz ehrlich. In Deutschland hat die Filmförderung Hamburg /Schleswig-Holstein so ein Konzeptpapier herausgegeben, wie sie Förderkriterien neu anlegen. Es mussten sehr enge Maßstäbe befolgt werden. Es gab dann ein Artikel in dem die letzten großen Erfolge des deutschen Kinos, von denen es ja nicht so viele gibt, nach dem neuen Wertemaßstab durchgecheckt wurden. Es wurde dann festgestellt, dass es alle diese Filme nicht geben würde. 

Das ist wirklich schrecklich, auch weil es leicht auch das Independent Kino zerstören könnte. Die Studios können sich ihre Geschichten so noch zurecht drehen, dass es alles passt, aber wenn du wirklich eine Geschichte erzählen willst, mit Mitteln, die aus der Filmkunst stammen, dann kannst du solche Maßstäbe nicht ansetzen, also ehrlich nicht. 

Das wird wohl auch das Genrekino betreffen.

Allerdings.

Ich denke der dahinter stehende Gedanke ist, dass man gerade nicht immer die gleichen Stoffe haben möchte. Wenn ich deine Kritik richtig verstehen meinst du, dass es aber das genaue Gegenteil bewirkt?

Richtig, man bewirkt das Gegenteil. Es ist ja so: ein Film ist politisch. In jedem Moment erzählt er uns etwas, selbst wenn man sich einen Splatterfilm ansieht. Dass aber jetzt sozusagen bestimmte Vorgaben einer politischen Haltung befolgt werden müssen ist das schlimmste was es gibt. Das ist eigentlich eine Zensur. Wir müssen uns inzwischen ja auch einmal wieder dran erinnern: was solche Regeln auch zerstören ist die Tatsache, dass es nicht mehr „einfach“ nur um einen guten Film geht, sondern dann um einen Film der irgendwie die richtigen Thematiken auf die richtige Weise präsentiert. Es kann der blödeste, langweiligste Streifen sein, der dann irgendwelche Oscars gewinnt. Dass diese Kunstform Film unabhängig von dem, was es erzählt, gut oder schlecht sein kann, das gerät in Vergessenheit. Klar, wir sind kleines Festival, es gibt da nur wenige die uns reinreden, das ist auf der Berlinale oder in Cannes sicher nicht einfacher, aber wir können unser Programm so gestalten, ohne dass irgendjemand sagt: naja, jetzt musst du aber mal gucken, dass es da noch so und so einen Film gibt. Das finde ich auch wichtig und gut und ich habe auch manchmal das Gefühl, das machen bei Weitem nicht mehr so viele, es nach der Qualität des Films zu beurteilen. Es kann natürlich dann sein, dass ich einen Film großartig finde, den du scheiße findest. Der hat aber irgendwas, was ihm eine bestimmte Energie verleiht, eine bestimmte Weise mit dem Medium umzugehen, denn ein bisschen was wissen wir ja auch einzuschätzen. Wenn das komplett in den Hintergrund gedrängt wird, die Qualität des Filmemachens, dann ist das keine gute Zukunft die wir vor uns haben. Du hast ja vorhin Kubrick angesprochen, Uhrwerk Organge, daher weißt du: wenn wir nicht mehr in der Lage sind, unsere Moral selbst zu bestimmen, dann ist es genau genommen gar keine Moral mehr.  

Wie genau entscheidet ihr denn über die Filme? Seid ihr eine kleine Gruppe, die sich einen Film zusammen ansieht und dann nach einem, ich nenne es einmal „informiertes Bauchgefühl“, entscheidet?

Wir haben einen inzwischen relativ großen Kreis an Freundes des Festival, eben auch Filmemacher und Schauspieler, die Lust haben Filme zu sichten, die das logischerweise aus Interesse an dem Medium, was auch ihre Arbeit ist, machen, und die auch einen gewissen Background haben um eine Bewertung abzugeben. Dann kommt es alles hier zusammen. Ich bin an der Stelle durchaus ein diktatorischer Festivalleiter. Ich bin allerdings ein netter und weicher Diktator, also ich weiß auch, dass hier Filme laufen müssen, die mir nicht gefallen, wenn andere sagen, dass er großartig ist. Es ist klar, dass nicht nur etwas laufen kann, von dem ich immer sage, dass ist ja super. Aber ich sehe auch dann eine gewisse Qualität. Aber wir haben keine Vorgaben, dass wir in irgendeinem Proporz etwas machen müssen. Ja, das ist möglicherweise auch das Bauchgefühl, obwohl ich eher glaube, dass es noch mehr das Kopfgefühl ist, oder im besten Fall beides. Wir haben auch immer gesagt, dass unsere Kriterien so aussehen, dass wir den bevorzugen, der etwas riskiert, und das vielleicht sogar nicht in Allem gelingt, demjenigen, der einfach nur aalglatt einen Film erzählt. Das ist dann im Fernsehen oder im Mainstreamkino zu verorten. Wir haben in diesem Jahr auch wieder Indiefilme, die haben so einen Punch und so eine Energie, die müssen aber bei Weitem nicht in jedem Moment perfekt sein. Da bin ich auch sehr froh, dass wir es genau so machen. 

Du bist ja nun schon viele Jahre dabei, wie würdest du die Entwicklung einschätzen, gibt es weniger an solchen Filmen, die etwas riskieren oder bleibt es etwa gleich?

Das Indiekino bewegt sich in Wellen. Es gibt mal Zeiten, wo es Energieschübe aufnimmt und andere Zeiten, wo man glaubt, dass es immer dasselbe ist, was man sieht. Im Deutschen Kino hat es eine ganze Zeit relativ wenig Bewegung gegeben. Das ist aber auch schwer, weil das Fördersystem mit reinspielt. Oft muss der Fernsehesender noch sein ‚Go‘ geben, dann kriege ich erst Förderung. Das amerikanische Independent Kino ist da schon als Gradmesser für Qualität gar nicht so schlecht, weil es so komplett frei entsteht. Dieses Jahr ist es sehr energiegeladen. Es hat auch sehr viel kämpferischen Ausdruck. Das haben wir so beim Programmieren festgestellt, dass es viele Filme gibt, die so „Find your wild“ und „Rules are for dogs“ leben, die sagen, alles klar, aber wir müssen an irgendeinem Punkt auch für uns kämpfen. Das finde ich dann super. Es gibt auch einen Zeitgeist. American Thief aber, wow, der hat so eine Energie! Da haben wir ein paar von der Sorte. 

Habt ihr ein bisschen Angst vor der Welle an „Corona-Filmen“ nächstes Jahr, sowohl was die reduzierten Einreichungen aufgrund von erschwerten Produktionsbedingungen anbelangt als auch ein zu erwartendes Übermaß an Filmen die sich diesem Stoff, also die Corona Pandemie, annehmen?

Im Lockdown haben mich auch diverse Leute angesprochen, ja, wollen wir nicht etwas drehen, aber irgendwann haben wir auch alle mitgekriegt, oh nein, die Bilder von der leeren Stadt brauchen wir auch nicht mehr. Aber was man sagen kann, es ist einfach weniger gedreht worden. Es ist eine ganze Lücke, wo sonst gedreht wird. Die werden wir dann im nächsten Jahr spüren. Jetzt haben wir noch Filme, die alle in der Post-produktion waren und jetzt fertig gestellt wurden. Einige werden ja auch, wie wir wissen, verschoben. Im nächsten Jahr wird es möglicherweise so eine kleine Lücke geben, die wir dann auch spüren. Ich bin mir immer nicht so sicher, ob diese Prognosen nicht mehr auf die großen Studioproduktionen zutreffen als auf die Indiefilme, die einfach viel schneller wieder Fahrt aufnehmen können. Als die Finanzkrise war, der große Immobiliencrash, da wurde auch das Kino beschädigt. Da gab es auch Prognosen, dass e schwierig wird, aber da war am Ende die Erkenntnis,  dass das Indiekino dann noch stärker geworden ist, weil das eher die durchfinanzierten Studioproduktionen waren, die da in Mitleidenschaft gezogen wurde. 

Das Filmfest dieses Jahr wird 27, das ist im Rock’n’Roll Mythos so eine Art Grenze zwischen Jugend und Alter. Gibt es das, ein alterndes Filmfestival, bei dem zum Beispiel die Erwartungen, denen man gerecht werden müssen immer größer werden und die Routinen drückender`?

Sehe ich entschieden nicht so, aber wenn es so ist, muss mich jemand zur Seite setzen. Ich würde immer sagen, wenn wir nicht einen Fortschritt machen, und etwas Neues erkunden und vorangehen, dann wird es langweilig und das darf es nicht werden. Aber dass wir 27 werden ist natürlich geil, da habe ich in dem Kontext noch nicht drüber nachgedacht. Das ist ja echt ein wenig bedrohlich!

Kannst du abschließend einen Film aus eurem diesjährigen Programm besonders empfehlen?

American Thief finde ich, wie gerade erwähnt, sehr bemerkenswert. Ich habe in diesem Jahr ein paar mal beim Filmeschauen gedacht: das ist jetzt der Film des Jahres für mich. Ich war wirklich weggeflasht. Der nächste kam und dachte „woa!“ Wir haben eine ziemlich gute Indiereihe dieses Jahr finde ich. Überragend viele Weltpremieren. Der Film Shorta läuft in Venedig und kommt dann direkt zu uns, ein dänischer Film, der ein bisschen wie La Haine ist, Hass, also Unruhen, und da sind zwei Bullen in dem Ghetto und müssen sich durchschlagen, und man weiß nicht, was passiert, weil es immer Wendungen gibt mal denkt man, ach der ist ja ein Rassist, und dann stellst du fest, ne, ist er ja gar nicht, es spielt immer mit diesen Vorurteilen von uns. Es ist ein super Actionfilm. American Thief finde ich umwerfend.  Der wurde teilweise 2016 bei den Protesten in New York beim Wahlkampf und in der Election Night gedreht und sind mit ihren Schauspielern in diese Proteste rein gegangen. Das ist eine Paranoia Geschichte, es erinnert an Francis Ford Coppolas Film ‚Der Dialog‘, wo Gene Hackman einen Überwachungscop spielt. Hier geht e um zwei Hacker mit einer künstlichen Fantasie. Den darf man nicht verpassen!

Interview von Ulrich Mathias Gerr