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Zum Höhepunkt der Corona Krise in Italien, als es dort bekanntlich rigorose Ausgangsperren gab, wandten sich zahlreiche Bürgermeister über ihre lokalen Fernsehsender an die jeweiligen Bewohner_innen und mahnten diese angesichts vieler Verstöße, doch wirklich zu Hause zu bleiben. Giuseppe Falcomatà, Bürgermeister in Kalabrien, sprach zu denen, die sich nicht daran hielten und durch die Stadt liefen: „Schauen Sie, das ist kein Film. Sie sind nicht Will Smith in ‚I Am Legend‘“.

Es fällt jedoch schwer, die Bilder von menschenleeren Großstädten nicht vor dem Hintergrund eines dystopischen Szenarios zu deuten. Zu sehr haben sich ähnliche Bilder menschenleerer Plätze durch Filme, Bücher und Comics in das kollektive Bewusstsein eingebrannt. Nicht selten wird dort der Ursprung der jeweiligen Katastrophe auch durch das Ausbrechen einer neuen Pandemie erklärt, sei es im genannten I am Legend, sei es in den beiden Filmen 28 Days und 28 Weeks Later von Danny Boyle oder im Buch The Stand von Stephen King, der gerade als Serie adaptiert wird. 

Es klingt fast nach einem Allgemeinplatz, wenn man schreibt, dass es in Krisenzeiten zu einer Zunahme von dystopischen Stoffen kommt. Insofern verwundert es nicht, dass es insbesondere in den vergangenen zehn Jahren, im Anschluss an die Finanzkrise 2008, zu einer wahren Explosion der Dystopie gekommen ist. Auffällig war dies in einer besonders weit verbreiten Unterform der Postapokalypse, namentlich dem Zombie Genre. 

Im Folgenden soll der Gedanke verfolgt werden, dass es sich bei dem in diesen Dystopien entwickelten Szenarien um eine Vorausahnung einer Situation wie der aktuellen handelt. Dystopien könnte man so als eine Art ‚prophetisches Medium‘ bezeichnen. Mit diesem Begriff versucht der französische Kulturwissenschaftler Jacques Attali den Umstand zu fassen, dass man in kulturellen Formen, sei es in Kunst oder Unterhaltungsmedien, eine Quasi-Vorwegnahme einer späteren gesellschaftlichen Entwicklung bereits finden kann. Für Attali ist insbesondere die Musik ein prophetisches Medium dieser Art. Der Gedanke ist, dass in bestimmten künstlerischen Formen Inhalte verhandelt werden, die den Menschen bewusst und reflektiert noch nicht zur Verfügung stehen. Man lebt bereits in einer Epoche, von der spätere Generationen im Rückblick sagen können, „seht her, dieses und jenes passierte damals schon“, ohne dass die Leute sich dessen schon in Theorien und Gedanken sicher waren. Sie wissen es noch nicht, aber sie tun es bereits. Oder vielmehr: Sie wissen es noch nicht, aber sie drehen schon Serien darüber. 

Was aber hieße es, wenn man einmal den Gedanken mitmacht, und die Post-Apokalyptischen Filme der letzten Jahre als ein prophetisches Medium bezeichnete? Nun ließe sich ja angesichts der Finanzkrise 2008 die Frage stellen, warum gerade diese Art von Filmen und Stoffen entstehen. Es gab auch früher schon Krisen, aber zu einer Explosion von Zombiefilmen kam es nicht. War es das Gespür, dass man eine global vernetzte Masse ist, in der Armut und Deprivation sich so schnell verbreiten wie der Zombievirus?

Der Zombie wurde einerseits zum Stoff von Popkultur, vielleicht ließe er sich hier als Metapher verstehen, für die ökonomische Freisetzung einer großen Masse an Menschen zu letztlich überflüssigen Gestalten. Damit hat er den Moment wie den der Corona-Pandemie wie vorweggriffen in dem die Quarantäne und die Massenarbeitslosigkeit miteinander einhergehen. Der Zombiewalk als politische Aktionsform, in Varianten vom G20 in Hamburg bis zu Extinction Rebellion anzutreffen, ist die Nachahmung des Gespürs für die Bedeutung dieser Massen.

Schnell wurde die Form der Zombieapokalypse andererseits auch zu einem Szenario, auf das man sich tatsächlich vorbereitete. Das Gedankenspiel, was man bei einer anbrechenden Zombieapokalypse machen würde, ist dabei eine einprägsame  Metapher für den Zusammenbruch des Staates und das Eintreten in einen rechtfsfreien Raum, in dem das fallende Gewaltmonopol durch die Reinstantiierung des Recht des Stärkeren abgelöst wird. 

Es begannen nun Institutionen wie der amerikanische Katastrophenschutz, die Zombieapokalypse in das Repertoire ihrer geschilderten Katastrophenfälle mit zuzunehmen, in dem sie sonst Informationen bereitstellten, was man etwa im Falle eines Erdbebens machen sollte. Die Begründung war, dass man anhand der Zombies die  idealtypische Form der Katastrophe auf eine Weise nachbilden ließe, dass sich Menschen spielerisch auf diese vorbereiten, was dann als Handlung aber auch bei vielen anderen Katastrophen das richtige Verhalten wäre. Beides zusammen – der Stoff als Metapher und die konkrete Einfühlung zur Vorbereitung auf die Krise – markiert die Zombieapokalypse als ein prophetisches Medium. 

Kennzeichen der populären Kultur als ‚prophetisches Medium‘ ist dabei, dass es durch die Filme und nicht zuletzt auch die Memes zu einer Distanz vor der eigentlichen Dramatik der Situation kommt. Es ist die Einfühlung in eine Situation, die man nur noch mit jener ironischen Distanz wahrzunehmen in der Lage ist, die das Verhältnis der Menschen zur Krise in der Gegenwart prägt, in der die Folie des Memes und der Teilbarkeit in den sozialen Medien über alles zu liegen scheint. Man kann zwar seine Miete nicht zahlen, aber immerhin springt auch aus diesen Tragödien noch Material für einen neuen Post heraus. Derart geraten wir wahrlich zum Bild des Zombie: In der Zukunft, so hätte ein einsichtiger Mensch vor der Coronapandemie seinen Ted Talk beenden können, werden wir alle 15 Minuten Will Smith in I am Legend sein. Langsam wie die schleichende Meute Zombies werden wir derart zum täglichen Poetry Slam unserer selbst. Und wie der schon vom Zombie gebissene, aber noch nicht in ihn verwandelte, erahnen wir, dass die Zukunft noch schlimmeres bereit halten könnte. 

von Bella Goff