Alma Ma(r)ter – Der Streit um entfristete Verträge an der Uni

Kolleginnen aus den Hochschulen demonstrieren am 02.05.2019 mit ihren Kettenverträgen vor dem BMBF. Drinnen verhandeln die Staatsekretärinnen der Länder den Zukunftspakt.

Vor ein paar Wochen entstand eine Erklärung der Vereinigung der Kanzlerinnen und Kanzler der Hochschulen in Deutschland, die nach dem Ort ihres Treffen benannt als ‚Bayreuther Erklärung‘ seitdem die hochschulpolitische Debatte bestimmt.

Die Bayreuther Erklärung spricht sich vehement gegen stärkere Entfristungen für wissenschaftliche Mitarbeiter_innen aus und stieß aufgrund einer sehr dünnen, und teils anachronistischen, Argumentation auf starken Widerspruch. Die Frage, ob Mitarbeiter_innen an der Uni entfristet werden sollen oder nicht ist eine der bestimmenden hochschulpolitischen Debatten dieser Tage. Die Verträge im wissenschaftlichen Mittelbau sind zum großen Teil befristet, und wer einen zweijährigen oder dreijährigen Vertrag hat, kann sich nie sicher sein, dass er danach einen Anschlussvertrag enthält. Sie sind Sinnbild der prekären Arbeitslage an der Universität. Schon lange gibt es daher, auch von Seiten der Politik, Stimmen, die eine Entfristung bewährter Mitarbeiter_innen fordern. Für alle, die hier Fortschritte erhofft hatten, muss die Bayreuther Erklärung wie eine Ohrfeige gewirkt haben.

So auch für Markus Glötzel von der seit sieben Jahren aktiven Oldenburger ‚Mittelbauinitiative‘: „Es gab einen Kommentar im Tagesspiegel von Cornelius Richter (Personalleiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung), und von Georg Weiszäcker ( VWL-Professor an der Humboldt Universität), die haben beide gesagt die Bayreuther Erklärung der Personalchefs der Unis ist aus der Zeit gefallen. Dem kann ich mich nur uneingeschränkt anschließen.“ Besonders weltfremd mute die Begründung an, man müsse deswegen die Stellen befristen, weil man so mehr Leute promovieren könnte und das die gesellschaftliche Aufgabe der Unis sei. „Es gab eine Untersuchung vom statistischen Bundesamt, sie haben Promovierte über ihren Werdegang befragt. 21% haben gesagt, dass die Promotion eine Mindestvoraussetzung für ihren Job ist. Das heißt, dass 79% ihre Promotion gewissermaßen nur für ihr Klingelschild gemacht haben.“, attestiert Glötzel. 

Aus der persönlichen Misere, keinen dauerhaften Platz an der Uni zu bekommen und deswegen woanders zu arbeiten, wurde in Bayreuth also gerade eine Aufgabe der Unis imaginiert, gerade den Zustand zu verlängern, der überhaupt erst zur Misere führte. Die Fähigkeit mit solchem Zynismus umzugehen bekommen heute viele wissenschaftliche Mitarbeiter_innen mit ihrem Doktortitel gleich mitverliehen. 

„Der Hintergrund ist ein ganz anderer“, vermutet dagegen Markus Glötzel, der auch für den Personalrat arbeitet, „man will die Personalstruktur gerne flexibel halten, um attraktiv zu sein für ‚hochwertige Neuberufungen‘, wie es immer so schön heißt. Es sollen exzellente Neubewerbungen sein. Da will man in der Lage sein, entsprechende Mittelzusagen machen zu können und dabei stört es, wenn man einen hohen Anteil an unbefristeten Mitarbeiter_innenn hat, denn die sind nunmal da und die sind dann keine Verhandlungsmasse mehr, um umzubauen oder Neubewerbern besonders attraktive Angebote zu machen.“

Ausdruck des Selbstverständnisses der Universität als eine Art Unternehmen, wie es seit 20 Jahren mehr und mehr zum Leitbild wurde, ist es hier, dass die Unileitung ein Interesse daran hat, möglichst namhafte, viele Drittelmittel versprechende Professuren anzuziehen. Mit der Qualität der Uni für die Studierenden hat dieses Forschungsrenommee oft wenig zu tun, denn für diese ist ja besonders eine gute Lehre und eine gute Betreuung maßgeblich für ein gutes Studium. Im bestehenden akademischen System sind aber all diejenigen, die viel Zeit und Planung in gute Lehrveranstaltungen und ausführliche Betreuung von Prüfungsleistungen steckt, letztlich im Nachteil. „Man muss sagen, wenn jemand an der Uni sich als Mitglied des Mittelbaus versucht an der Lehre zu beteiligen, gute Lehre zu machen, wie auch immer man das im Einzelnen definiert, dann schneidet er sich ins eigene Fleisch. Weil das Anreizsystem, so wie es jetzt ist, Lehre überhaupt nicht honoriert. Weil das so ist, kann man im Prinzip nicht erwarten, dass die Leute besonders viel Energie in die Lehre stecken. Gleichzeitig wird aber eine Menge Lehre abgedeckt vom Mittelbau. Studierende nehmen das nicht immer wahr, weil für sie grundsätzlich die Person, die vorne steht, ein Professor oder eine Professorin ist, aber in Wirklichkeit ist das natürlich nicht so. Lehrqualität kann man im bestehenden System nicht erwarten.“

Nun gibt es ganz aktuell eine besondere Ausgangslage, um diese prekäre Situation zu verbessern. Die Mittel aus dem so genannten Hochschulpakt, mit der der Bund die Länder unterstützt, werden in einem neuen Programm namens „Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken“ verstetigt – das heißt anders als vorher kann man diese Mittel langfristig einplanen. Diese Mittel wurden in der Vergangenheit immer befristet ausgegeben, durch die jetzige Verstetigung gibt es also vor allem auch die Möglichkeit für eine Entfristung von Stellen. Entschieden wird das Anfang nächsten Jahres. „Die Länder sind aufgefordert, bis zum 15.1. eine Selbstverpflichtungserklärung abzugeben.“ Vor diesem Hintergrund ist vielleicht auch die Bayreuther Erklärung zu sehen, als rechtzeitige Agitation gegen diese Möglichkeit von mehr entfristeten Stellen. 

Marks Glötzel: „Es gibt auf der Website des BMBF [Bundesministerium für Bildung und Forschung, Anm.d.Red.] ein Bekenntnis, dass mit den unbefristeten Mitteln auch unbefristete Stellen geschaffen werden. Da fällt auch ein wichtiges Argument weg, wenn bislang gesagt wurde, ‚Wir haben befristete Mittel, also gibt es auch nur befristete Stellen‘. “,  

Trotzdem wird die Entfristung sicher kein Selbstläufer, dessen ist sich auch die Mittelbauinitiative bewusst, die auch im bundesweiten ‚Netzwerk für gute Arbeit in der Wissenschaft“ aktiv ist,  und ruft zur Beteiligung an einem Aktionstag am 11.11. auf: „Der Ball liegt momentan bei den Ländern. Das Ziel ist es jetzt, mit abgestimmten Aktionen in der Fläche Aufmerksamkeit zu erzeugen und so Druck aufzubauen auf die Ministerien der Länder. Da muss es jetzt großen Widerstand geben. „

Studierende und wissenschaftliche Mitarbeiter_innen haben also ein gemeinsames Interesse, weil die Verbesserung der Situation dieser das Studium für jene deutlich verbessern würde: in Form besserer Lehre, besserer Betreuung – und für alle die an der Uni bleiben wollen natürlich auch für die eigene, zukünftige Arbeitssituation. Abgesehen von der Unterstützung zum Beispiel am Aktionstag am 11.11. wünscht sich Markus Glötzel vor allem ein grundlegendes Interesse für die Situation: „Man kann auch ruhig mal den Menschen, der da vorne steht, fragen und darauf achten: ist das jetzt eigentlich ein Prof? ist das eine wissenschaftliche Mitarbeiterin? Was müssen sie alles machen? Wieviel Zeit haben sie in der Lehre? Man kann auch mit Kommilitonen einfach mal darüber sprechen. Damit wäre schon viel erreicht.“

von Ulrich Mathias Gerr