Zum Streik gegen die Verschlechterung der Lehre am 20.01.2020

11.-ehemalige-AStA-Sprecherin-Katharina-Corleis-und-aktueller-Sprecher-Max-Wievelsiep-beim-Streik

Als Studierender sich an der Universität politisch einzusetzen, ist oftmals für das Eigeninteresse eher schädlich, zeigen sich Konsequenzen aus dem Engagement meist erst nach dem man das eigene Studium schon abgeschlossen hat. Der Einsatz für die Verbesserung irregulärer Prüfungsordnungen, schlechter Lehre, ungenügender technischer Ausstattung und von Modulkonzeptionen, Raummange, Personalnot sowie Studiengebühren usw., mag sich erst, falls sich überhaupt etwas ändert, für die folgenden Generationen an Studierenden verwirklichen, wenn man selbst die Uni schon verlassen hat. Insofern fordert ein solcher Einsatz Solidarität, den Blick über das unmittelbare Eigeninteresse hinaus.

Am 20.01.2020 kamen ca. 400 Studierende zu einem Protest zusammen, der sich u.a. gegen die problematischen Rahmenbedingungen des Studierens richtete. Dies betrifft generell den Mangel an Räumen und Lehrpersonal, verschulte Prüfungs- und Studienordnungen samt widerrechtlicher Anwendung der Anwesenheitspflicht, steigende Lebenshaltungskosten, Verschlechterung der Bildungsqualität durch prekäre Arbeitsverhältnisse der Dozenten und einiges mehr, was von den Studierenden ins öffentliche Blickfeld gerückt wurde. Es wurde deutlich gemacht, dass viele dieser Forderungen letztendlich an das Land oder den Bund gehen, da von dort die Gelder zur Finanzierung universitärer Mittel oder zur Unterstützung des Studentenwerks kommen. 

Damit ist die Universität und insbesondere das Präsidium jedoch nicht einfach entlastet. An ihr wäre es, öffentlich zu thematisieren, sich politisch stärker einzusetzen und Druck ausüben, im Verbund mit den anderen Hochschulen und nicht die schlechte Situation einfach wortwörtlich zu verstetigen. 

Das wird sie nämlich tun, u.a. wenn sie ihr geplantes Konzept der LfbA-Stellen durchziehen wird. Dadurch wird die grundständige Lehre ganz offiziell zur „besonderen Aufgabe“ an der Universität. Die Arbeitsbedingungen entsprechen damit schlicht einer Konzentration von Arbeitsaufwand und akademischer Zweiklassengesellschaft zwischen Forschenden und solchen, die bloß noch Lehre machen. Das, was die Studierenden jetzt schon an geistigem Elend aus den Seminaren kennen, wird sich dadurch potenzieren und dies ist eben nicht den Lehrenden aus dem Mittelbau anzulasten, sondern den von der Universität forcierten Vertragsverhältnissen. Von einem Mitarbeiter, der nun bei voller Stelle neun statt fünf Seminare pro Woche im Semester geben muss, kann nicht erwartet werden, dass er unbezahlt, in seiner Freizeit die zur Qualitätssicherung der Lehre notwendige Forschung betreibt. Die so folgende schematisierte Lehre kennt man etwa aus den Seminaren, in denen bloß noch ein Referat nach dem nächsten durchgefeuert wird und schlussendlich eher der Eindruck entsteht, man hätte wenig bis nichts gelernt. Lerninhalte werden nur noch stumpf auf die folgenden Prüfungsformen umgearbeitet, sodass es weniger um das Lernen, als um das (Er-)Kennen geht, nämlich inwiefern dieser und jener Inhalt etwa klausurrelevant sein wird. 

Diese Umstrukturierung etwa, die die Kultur der Lehre an der Universität nachhaltig zum Schlechteren verändern wird, war dann aber nicht das große Thema, dem die NWZ ihre Artikel widmete. Wenn angeführt durch die Expertise einer kreisförmigen konservativen Hochschulgruppe die NWZ nun den Fokus auf den Faktencheck unter Frage: „Ist die Uni wirklich so teuer?“ legt, wenn aus dem Interview mit dem Leiter des Studentenwerks Ted Thurner vor allem hervorgeht, dass eigentlich alles in Ordnung ist, dann geht das Streikziel tatsächlich verloren. Nicht das Studentenwerk wurde für die Preise kritisiert, sondern zunächst das Land für die fehlende Unterstützung. Der Semesterbeitrag wurde deshalb kritisiert, weil er insgesamt für die finanzielle Lage der Studierenden eine Belastung darstellt. Mal davon ab, dass der „Verwaltungsbeitrag“ von 75€ in vielen Ländern gar nicht verlangt wird und eigentlich durch das Steueraufkommen gedeckt sein sollte (was auch Ted Thurner immerhin erwähnte). 

Viele Studierende haben große finanzielle Probleme, besonders solche, die aus den sog. „sozial- und bildungsschwächeren“ Schichten kommen. Das mit solchen „Faktenchecks“ und politischer Spitzfindigkeit zu verschleiern, zeugt von der Interessenlosigkeit gegenüber tatsächlichen Notlagen der Studierenden. Nebenjobs, Kredite und Darlehen verschaffen einigen Luft, andere mit besonderer Studiensituation durch Krankheit, Kinder, Auslandsstudium, o.ä. können nicht einmal darauf so leicht zurückgreifen. Ablenkung von der Studiensituation ist es allemal. 

Es erscheint als einfaches Bild, aber anscheinend ist es so trivial nicht, doch der Umstand was teuer ist und was nicht, lässt sich eben nicht so einfach an der nackten Zahl ablesen. Was dann auch bedeutet, dass wenn das „vegane Gericht“ nun nicht mehr nur 1,40€, sondern bis zu das Doppelte kosten kann, das einen großen Einschnitt in die eigene Verpflegung bedeuten mag. Der Protest nahm nicht die Perspektive desjenigen ein, der zu seinem Glück sich diese Gedanken nicht machen muss, sondern desjenigen, für den solche „Peanuts“ Essentielles bedeuten. 

Der Protest hatte sich auch nicht auf die Situation in Oldenburg allein festgelegt und der Verweis, dass es anderen noch schlechter gehen könnte, sollte nur Wasser auf die Mühlen derjenigen sein, die zum Streik gekommen sind. Doch dies ist ein stets gern verwendetes Argument, noch dem sozial Schwächsten seinen kleinen Protest auszutreiben: Im Vergleich sei es gar nicht so schlimm. Niemand hatte beim Protest erwähnt, dem Hinweis auf andere Notlagen und Proteste die Validität abzusprechen zu wollen. Dieser Umstand disqualifiziert aber umgekehrt eben nicht den Protest der Studierenden in Oldenburg. Entsprechend wiesen sie auch auf die prekären Arbeitsbedingungen im Mittelbau hin und machten dies zu ihrem Thema, nicht nur abstrakt für bessere Lehre, sondern konkret gegen die Vertrags- und Arbeitsbedingungen an der Universität.

Entgegen seiner Antrittsbehauptungen hat Minister Thümler noch keinerlei Lösungen für die riesigen finanziellen Löcher und den dadurch entstandenen Sanierungsstau bei den Studentenwerken Niedersachsens gefunden. Wie diese in Zukunft wohl gestopft werden, zeigt die Beitragshöhe an anderen Universitäten: Liegt er in Oldenburg noch „nur“ bei 68€ pro Semester, wird er etwa in Göttingen bis 2022 von 77€ auf 107€, in Hannover ab WiSe 20/21 wohl von 95€ auf 115€ steigen. Die Finanzen sollen also durch die Studierenden direkt gedeckt werden. Steigende Mieten, Mensapreise etc. tun das Übrige.

Die Probleme sind durch den Streik nicht behoben. Studierende repräsentieren keine Arbeitskraft, deren Tätigkeit niedergelegt werden könnte, sondern sind nur im Stand ihrer Ausbildung. Der Streik trägt die Sachlage in die Öffentlichkeit, das ist ein guter erster Schritt. In inneruniversitären Gremien muss gegen das, was man unmittelbar der Politik des Präsidiums verdankt, weiterhin angegangen werden. Im Zweifelsfall mag auch die Grenze des guten Geschmacks überschritten werden müssen, deren Einhaltung jetzt noch das Präsidium Lob verteilen lässt, obgleich Teile des Protests auch explizit gegen es selbst gerichtet waren.

Die Studierendenschaft sollte in dieser Sache weiter hartnäckig bleiben, die Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Mittelbau aber vor allem auch mit den Studierenden in Niedersachsen insgesamt und auf Bundesebene ausbauen. Es tut sich nämlich nicht nur in Oldenburg etwas, denn auch etwa in Hannover, Göttingen, Braunschweig oder Osnabrück waren die Studierenden mit ihren AStAs und den Studentenwerken aktiv. Im Gegensatz zum hiesigen Geschäftsführer Thurner wurden dort von Seiten des Studentenwerks die politischen Implikationen nicht verschwiegen. Gelingen kann ein Protest jedoch nur durch das lautstarke Festhalten an genau diesem Umstand und der ebenso politische Einsatz gegen Behauptungen der Alternativlosigkeit, mögen sie von Seiten des Ministeriums oder, die Schuld in dessen Richtung verweisend, von Seiten des Universitätspräsidiums kommen.

von Clarice Bold

weitere Artikel aus der kleinen Weltbühne