Seit mittlerweile sechs Jahren gibt es das Watt en Schlick Festival, das jährlich am Dangaster Kurhausstrand stattfindet. Die kleine Weltbühne traf Festivalorganisator Till Krägeloh zum Gespräch.

Du hast Kulturwissenschaften und Wirtschaftswissenschaften studiert. Deine unterschiedlichen Tätigkeiten klingen eher nach Eventmanagement. 

Ich sehe mich überhaupt nicht als „Eventmanager“. Ein ‚Event‘ ist für mich ziemlich inhaltlos. Der Profit steht im Vordergrund. Das ist mir viel zu kurz gedacht. Man macht ein „Event“ oder eine „Eventreihe“ und dann läuft sie nicht mehr und man macht wieder etwas anderes. So wollen wir beim Watt En Schlick Fest nicht arbeiten. Es gibt eine inhaltliche Ebene, wir beschäftigen uns mit Theater, Musik, Film. Es geht hier darum, einen Raum zu schaffen, in dem Menschen unterschiedlicher Milieus und Generationen aufeinandertreffen. Dabei bringen wir ein sehr urbanes Programm in die Provinz, an einen besonderen Ort mit einer Künstler-Tradition. Deswegen ist es für mich zu kurzgefasst, wenn man mich als Eventmanager sieht. 

Haben die Kulturwissenschaften dir dabei geholfen, dieses Konzept zu entwickeln?

Definitiv! Das Studium der Kulturwissenschaften ist sehr vielfältig. Das ist Ethnologie, Kulturgeschichte, Soziologie. Es hilft, die inhaltliche Tiefe zu schärfen. Die Wirtschaftswissenschaften haben das dann gut ergänzt und so habe ich mir den Bereich der Kulturwirtschaft erschlossen. Kulturwirtschaft kommt als Begriff erst Ende der 70er Jahre auf. Kulturinstitutionen sind seitdem im Wandel. Manche sind hochgradig öffentlich gefördert und mussten nie lernen, wirtschaftlich zu denken. Man arbeitet dann als Kulturmanager. Auch das ist ein kapitalistisch geprägter Begriff. Dennoch benötigt jeder Schauspieler und jeder Künstler Geld. Wir arbeiten mit 170 Freiwilligen. Das machen wir auch, weil es nicht anders geht. Das betrifft übrigens alle, die hier mitarbeiten: die ganzen Projektleiter genauso wie ich tun es ehrenamtlich und freiwillig. 

Dein Kommentar zur ehrenamtlichen Organisation hat mich etwas überrascht. Das scheint doch ein Full-Time-Job zu sein?

Es ist ein Full-Time-Job, aber wir können davon nicht leben. Mein Geld verdiene ich mit einem anderen Job. Ich leite das Marketing, Sponsoring und die Events der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Das ist auch eine sehr spannende Arbeit, da das Orchester eine einzigartige Organisationsstruktur hat: Es ist ein Unternehmerorchester, das heißt, die Musiker sind zugleich  Gesellschafter und sind an den wichtigen Entscheidungsprozessen beteiligt. Dass wir mit dem Watt en Schlick Fest momentan noch keine Möglichkeit haben, davon zu leben, liegt auch daran, weil wir eine Strategie fahren, die Wert auf faire Bedingungen legt. Das geht bis zu den Getränkepreisen. Wir schenken beispielsweise Lemonaid aus, aber das ist kein günstiges Getränk, weil sie die Leute fair bezahlen. Man könnte eine ganz andere Marge machen, wenn man andere Anbieter nehmen würde, dann würde mehr bei uns bleiben. Wir wollen aber nachhaltig sein. Gleichzeitig wollen wir aber auch nicht rumlaufen und sagen „Wir sind hier das Ökofestival und machen alles richtig. Wir sind die Coolsten und ihr müsst das alles befolgen und wenn ihr das nicht mitmacht, dann seid ihr schlecht.“ Klar sind auch deshalb hier ganz bestimmte Leute, die kommen und mitmachen. Trotzdem sind wir sehr offen. 

Das berührt den Punkt, inwieweit ein Festival ein Freiraum ist – das war schließlich einmal das utopische Versprechen des Festivals seit Woodstock – und inwieweit ein zu großes Moralisieren diesem Gedanken widerspricht. 

 Genau, jeder soll sich hier gut und frei fühlen. Wir sitzen hier gerade am Kurhaus Dangast. Hier ist immer gelebt worden, dass jeder hierherkommen kann und sein darf, wie er oder sie will, und jeder nach seiner Façon glücklich werden kann. Natürlich haben wir aber auch eine bestimmte Wertegemeinschaft. Das ist, glaube ich, auch allen klar: Es geht darum, Respekt voreinander zu haben, und trotzdem ist dies ein Raum, in dem jeder für sich sein darf.

Foto: Ulf Duda

Du hast letztes Jahr als Veranstalter den Helga-Award gewonnen, schon im Jahr davor gab es den für das „Beste Festival“. Geht die Bedeutung dessen über ein größeres mediales Echo hinaus? 

Es ist schön, einen Preis zu gewinnen und öffentliche Wertschätzung zu bekommen. Das dient auch dem ganzen Watt en Schlick. Der erste Preis, das „Beste Festival 2017“, war ja ein Publikumspreis. Das ist enorm wichtig für uns, dass wir in einer bestimmten Szene genau so wahrgenommen werden und uns dabei gegen Größen wie das Hurricane durchsetzen. Der Preis, den ich im Jahr darauf erhalten habe, wurde von einer fünfzigköpfigen Jury bestimmt, die aus Fachleuten der Branche bestand. Das freut mich schon sehr. Wer freut sich nicht über solche Anerkennung? Es ist Sinnbild dafür, etwas richtig zu machen. Ich komme aber überhaupt erst dahin, weil mich viele Leute supporten und unterstützen. Das steht stellvertretend für all diese Leute, auch wenn dann ich da in der Öffentlichkeit stehe. Das hat auch seinen Sinn. Wir haben ja gar kein festes Büro, sondern arbeiten dezentral: Der eine ist in Berlin, der andere sitzt in Oldenburg … Das geht nur mit Mitteln, die man heute hat. 

Ich könnte mir vorstellen, dass diese Öffentlichkeit auch nicht nur positiv gesehen wird, wenn man zum Beispiel an die „Bürgerinitiative Dangast“ denkt, die ja sehr skeptisch gegenüber größerem Tourismus zu sein scheint. Der besondere Charakter des Fests entsteht ja nicht zuletzt durch den Ort, an dem er stattfindet. 

Der Ort ist enorm wichtig für das Fest. Wir stehen da auch in einer künstlerischen Tradition. Ob es Joseph Beuys war oder Anatol, Eckart Grenzer oder die Brücke-Maler. Dieser Ort ist für Kunst und Kultur prädestiniert. Dazu die Natur, das Meer und eine Wertgemeinschaft, die von Toleranz und Respekt geprägt ist. All das ist enorm wichtig und bringt Menschen hierhin. Es kommen zum Fest natürlich auch neue Leute her, die Dangast bislang gar nicht kannten. Es findet ein Austausch statt. Das alles triggert natürlich wahnsinnig! Wenn wir angefangen hätten mit einer großen Wiese, wie man das sonst so macht, wäre das definitiv anders. 

Die Initiative sieht das auch so positiv?

Das Anliegen der Bürgerinitiative, die du ansprichst, hat gar nichts mit uns zu tun. Die dort aktiven Menschen kommen mittlerweile auch zum Fest. Uns kann man auch nichts vorwerfen. Wir haben kaum Müllproduktion. Die Lautstärke dringt wenig in den Ort selbst. Natürlich sind viele Menschen da  und  das strapaziert auch bestimmte Dinge. Aber in erster Linie feiern wir zusammen ein generationenübergreifendes Fest. Der Großteil hier im Dorf ist darüber glücklich und kommt auch hierher. Es sind natürlich auch noch andere Veranstaltungen hier vor Ort. Das ist aber nicht mein Bier. Wir haben hier ein Kulturfestival, das mittlerweile deutschlandweit bekannt ist, das auch wichtig für den Ort ist. Dangast ist nun mal auch ein Tourismusort. Ein altes Fischerdorf, klar, aber es lebt vom Tourismus. Der Ort ist durch das Fest auch nochmal auf andere Art positiv aufgeladen. 

Du hast es wahrscheinlich schon oft erzählt. Aber erzähl nochmal, wie kam die spezielle Kollaboration mit Flowin Immo? Ist sie jetzt jedes Jahr fest geplant?

Immo ist ein Freund von mir. Als die Komplette Palette in Bremen aufgemacht hat, hab ich ihn einfach gefragt: „Wir wollen noch eine Bühne in Dangast, hast du nicht Bock? Wir bauen die Palette hier auf.“ Und dann habe ihm noch gesagt, dass es cool wäre, wenn er da der Master of Ceremony ist.  Er macht jetzt immer zwei mal seine Super-Looper-Aktionen. Aber er bietet auch sonst den Rahmen und betreut die Bühne. Das Booking mache ich. Aber er ist jetzt ein Charakterkopf vom Fest. Wir haben unterschiedliche Bühnen mit unterschiedlichen Menschen. Und er bietet innerhalb des Watt en Schlick nochmal eine künstlerische Besonderheit. 

In Oldenburg gab es vor zwei Jahren mit dem Ende des Freifeld Festivals ein Einschnitt in der alternativen Kultur. Gerade wenn man nach Bremen guckt, wo es unter anderem mit der Palette viel mehr kulturelle Angebote gibt, fragt man sich, wieso es hier nicht möglich ist. Wie siehst du das?

Ich kenne mich mit der Oldenburger Politik nicht so gut aus. Aber vielen Kommunen fehlt kulturell der Mut. Die freie Szene hat es überall schwer. In Bremen hat diese Form der Kultur einen anderen Stellenwert als in Oldenburg. Ich denke, man muss sich einfach mehr trauen und manchmal auch Sachen laufen lassen, nicht immer über alle möglichen Folgen nachdenken,  nicht alles komplett durchegulieren. Die erste Fläche vom Freifeld war super: Es wurde eine Fläche genutzt, die brach lag. Auch da gab es dann Anwohner, die dagegen waren. Gegenwind muss man auch mal aushalten können. Das macht eine Stadt lebendig. Man muss gucken, wie man da zusammenkommt. Ich finde es falsch, das Freifeld nicht weiter zu fördern. Wenn es Menschen gibt, die etwas machen, und man merkt, da ist eine Öffentlichkeit, die das auch will, dann muss die Politik es schaffen, Zugänge zu schaffen. Klar, etwas auf die Beine zu stellen ist anstrengend. Am Ende hängt es immer an der Kommunikation. Es gibt wahnsinnig viele Leute, mit denen wir jedes Jahr neu reden müssen, um das Fest zu realisieren. Es gibt so viele unterschiedliche Menschen, die jeweils unterschiedliche Erwartungshaltungen und Interessen haben. Und natürlich sind auch die Menschen, die ein Festival machen, unterschiedlich. Man muss Bock drauf haben, mit Menschen zu kommunizieren. Wenn Pole aufeinandertreffen, kann es auch mal anstrengend werden – aber meistens im positiven Sinne. Es entsteht Reibung. Aber durch Reibung entsteht dann auch wieder was. Wenn viele Leute am Tisch prinzipiell etwas wollen, dann muss man durch anstrengende Phasen durch. Denn man wird nie auf den absoluten Konsens treffen. Es gibt nicht nur Friede, Freude, Reibekuchen. 

Eierkuchen.

Haha, den meine ich. 

Wo wir gerade vom Reibekuchen sprechen. Dieses Jahr findet das erste Mal das Tabula Raza Fest in Oldenburg statt – ausgerechnet am gleichen Wochenende wie das Watt en Schlick. Das ist ja erstmal unglücklich, gab es da einen Austausch?

Foto: Axel Martens

Als ich davon das erste Mal gehört habe, dachte ich schon: „Ok, am gleichen Tag wie wir? Oldenburg ist nicht weit weg. Muss das sein?“ Ich hab mir dann das Line-Up und das Programm angeguckt. Es ist etwas ganz anderes. Es gibt sehr wenige Schnittmengen und wir sind ja auch bei den Drei-Tages-Tickets schon ausverkauft. Es tut uns also nicht weh. Aber man hätte schon mal vorher drüber reden können und sich gegenseitig fragen: nehmen wir uns da gegenseitig etwas weg oder ist es egal? Darüber vorher zu sprechen, finde ich trotzdem besser.  Die Kulturetage zum Beispiel ist vor zwei Jahren auf uns zugekommen und hat uns gebeten, ein Wochenende vorzurücken, weil sie da den Kultursommer hatten und es sonst am gleichen Tag gewesen wäre. Eine so große Veranstaltung mal eben zu verschieben, ist ja nicht gerade einfach,. Deshalb muss man miteinander reden.  Gerade im Kulturbereich. 

Nochmal zum Programm auf dem Watt en Schlick, zu dem es bei der Bekanntgabe in den Sozialen Medien ja immer gleich eine hitzige Diskussion gibt. Ist es schwierig, die gewachsene Erwartungshaltung bei den Bands zu erfüllen?

Den Leuten gefällt das Watt en Schlick. Ihnen gefällt alles daran. Das höre ich immer wieder. Die Leute kommen nicht, weil wir die allergeilsten Bands haben, oder die besten Getränke. Da gibt es nicht die eine Sache. Es ist das Gesamtpaket. Das Programm zu erstellen, ist ein fließender Prozess, der 10 Monate benötigt. Es wächst langsam. Dieses Jahr haben wir ja auch noch gar nicht die Secret Headliner verkündet. Da kommen noch richtige Klopper! Normalerweise würde man die sofort vorne hinschreiben. Dass wir es nicht machen, hat natürlich Gründe, das ist kein Marketingtrick. Das nehmen die Leute auch an. Sie werden hier nicht verarscht. Manchmal sind dann auch Bands dabei, die polarisieren. Dass die Leute auch mal aus ihrer Komfortzone herausgelockt werden, finde ich auch nicht schlimm. Es ist viel schöner, wenn die Leute kommen und sagen: Ich vertraue euch da. Man darf sich hier auch mal auf ein unbekanntes Terrain begeben und sich überraschen lassen. Wo hat man das schon sonst? Oft ist doch immer alles klar: Das habe ich, das will ich, das kaufe ich. Dann weiß ich, was ich habe. 

Die Bands werden dann auch vor Ort nicht bekannt gegeben?

Der Headliner am Sonntag wird erst am gleichen Tag nach dem Co-Headliner bekannt gegeben. Der Samstagsheadliner wird am 1. Juli bekannt gegeben. Und der Secret Act am Freitag wird erst am Freitagmorgen bekannt gegeben. Ich bin fest überzeugt, dass es super wird. Klar, jetzt macht sich jeder Gedanken, und der ein oder andere sagt sich am Ende: „Ach, da hätte ich jetzt aber schon was anderes erwartet!“. Aber der nächste sagt: „Was, krass! Das hätte ich niemals erwartet!“ Solche Reaktionen finde ich super. Wie an Weihnachten als Kind. 

Und was wäre die Band, die in deinem Weihnachtsgeschenk wäre? 

Radiohead! Wenn ich Radiohead hier herkriegen würde! Aber das bleibt wohl eine Utopie …

von Ulrich Mathias Gerr

Titel-Foto: Ulf Duda